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war daran, auch Canterbury aufzugeben, schließlich wurde der Posten in Kent, das auch seine politische Hegemonie verloren hatte, mit Mühe gehalten.

§ 22. Ein neuer Aufschwung der römischen Mission erfolgte, wenn auch in Verbindung mit den Resten in Kent, durch die Gewinnung der anderen Gruppe germanischer Eroberer, die unterdes von Nordosten aus ihre Macht gewaltig ausgebreitet hatten, der Angeln Northumbrien s. Als König Edwin, der fast das ganze kirchliche England unter seiner Vorherrschaft einigte, Ethelberchts von Kent Tochter Ethelberga 625 heiratete, wurde der in ihrer Begleitung mitgesandte Paulinus zum 1. Bischof von York geweiht, und dieser wieder bewirkte 627 den Übertritt des Königs und der Staatshäupter, dem Massenübertritte im Volk folgten. Die auf mündlicher Kunde beruhenden Schilderungen von seines Volks Belehrung, den Beratungen im Witenagemot, der Absage des heidnischen Staatspriesters an den alten Glauben, in dessen Heiligtum er zuerst den Speer wirft (II 9 ff.), gehören zu den anziehendsten und wertvollsten Stücken aus der altgermanischen Bekehrungsgeschichte überhaupt. Die Bewegung schreitet nach Süden fort, Lindsay (Lincoln) und Ostanglien werden ergriffen und erhalten ihre ersten Bischöfe. Abermals sehen wir das neue Gebiet sofort hierarchisch organisiert. Nachdem auch Paulinus v. York das Pallium erhalten, scheint der Plan Gregors von den zwei Kirchenprovinzen der Verwirklichung nahe zu sein. Zugleich setzte eine selbständige römische Mission in Wessex an und leitete die Romanisierung des Westens ein.

§ 23. Der Tod Edwins in der Schlacht bei Hatfield 633 brachte einen jähen Umschwung, die Flucht des Paulinus und der Königin nach Kent, erst eine heidnische Reaktion, dann eine kurze Episode keltischer Herrschaft, bis Oswald, der durch Edwin des Thrones beraubte Sohn Ethelfrids von Northumbrien, sich der Herrschaft bemächtigte. Das aber bedeutete, da Oswald bei den irischen Mönchen von St. Jona erzogen und ganz in den Geist ihres Christentums eingegangen war, eine Herrschaft des keltischen

Christentum s in Northumbrien und, da unter dessen Sohn sich der Einfluß auf die Halbinsel fortsetzte, eine Vorherrschaft über fast ganz England, die tiefe Spuren hinterlassen hat, Zuerst empfängt 653 Mittelanglien, zu gleicher Zeit Essex, das schon einmal, von Kent, gewonnene, aber abtrünnig gewordene, das Christentum in keltischer Form; 655 folgt nach dem Tode des furchtbaren Penda das mächtige Mercien; in Wessex kreuzen sich irische und römische Einwirkungen, und nach Ostanglien, ja nach Kent selbst erstrecken sich die ersteren. Bis auf das Kent benachbarte Sussex war das germanische England gewonnen, wesentlich durch die Beihilfe der Iroschotten, deren klösterliche Organisation, apostolische Einfachheit, durch Predigt, Jugendunterricht, Beichte und Buße, also Seelsorge, das Volk in der Tiefe packende Erziehungsmethode sich als für die Mission besonders geeignete Mittel erwiesen. Überall entstehen Klöster und Klosterschulen als Mittelpunkte des kirchlichen Lebens; namentlich wurde Lindisfarne auf einer Insel bei der Residenz Oswalds für Northumbrien ein zweites St. Jona, an dessen Spitze der Bischofsmönch Aidan, selbst für den römisch gesinnten Beda ein christliches Ideal, stand. Damit vereinigte man die von Rom begonnene, auf die lokalen Bezirke sich stützende Bischofsverfassung, ja man vollendete sie, indem auch die neugewonnenen Reiche ihre Bistümer erhielten, nur daß sie tunlichst an Klöster angelehnt erscheinen, so wie es etwa im keltischen Wales der Fall war.

§ 24. Die entscheidende Wendung zugunsten der römischen Form geschah 664 da, wo die Entscheidungen überhaupt in dieser Zeit lagen, in Northumbrien, indem König Oswiu, der unter dem Einfluß seiner katholischen Gemahlin Eanfled, Edwins Tochter und Ethelberchts Enkelin, und ihres Stiefsohnes Alchfried, des Unterkönigs von Deira stand, dem hochbedeutenden Presbyter Wilfried (s. diesen) sein Ohr öffnete und auf der Synode zu Streaneshalch (Whitby) sich für die römische Osterberechnung erklärte, beunruhigt durch die Vorstellung von Petrus als dem Himmelspförtner. Essex und

Mercien folgten, und eine furchtbare Seuche, die die Bischofssitze verwaiste, gestattete eine völlige Neuorganisation im katholischen Sinn. Der von Kent und Northumberland gemeinsam vom Papst erbetene neue Erzbischof von Canterbury, Theo dor, ein Cilicier aus der Paulusstadt Tarsus (669-690), vollendete, nach Neubesetzung und Ergänzung der Bistümer, auf der ersten gesamt-englischen Synode zu Hertford 673 das Werk der Erneuerung und Zusammenfassung in ausgezeichneter Weise, sicherte der englischen Kirche und damit der in viele Teilreiche gespaltenen ,,Nation" die einheitliche Spitze im Erzsitz zu Canterbury, gegen Wilfried von York, und erlebte, daß der letztere den heidnischen Rest zu Sussex ebenfalls in den Schoß der römischen Kirche führte (681685). Die Periode der äußeren Mission war zu Ende, und die angelsächsische Germanenkirche, die, in eine Reihe kleiner Landeskirchen mit staatskirchlichem Charakter zerfallend, doch als ein Ganzes eben diese Teile zum Gefühl nationaler Einheit erzog, konnte nun ihrer inneren Mission, der Durchdringung des germanischen Volkslebens mit christlichen Ideen ungestört obliegen. Zu diesen letzteren aber gehörten weithin die auf dem keltischen Boden erwachsenen oder besonders gepflegten, die der Grieche Theodor weit und weise genug war in die germanisch-römische Art einzuschmelzen. Auf dem Zusammenwachsen aller dieser Elemente beruht Eigenart und Blüte der altenglischen Kirche, deren Geschichte noch immer wesentlich Klostergeschichte, und deren Ruhm die. in den Klöstern gepflegte und von hier ausstrahlende Disziplin und Geistesbildung ist. Während aber das höchste Interesse für uns darin liegt, das Fortleben des germanischen Altertums in kirchlicher Gestalt weiter zu verfolgen (vgl. zB. das Eigenkirchenwesen, das hier folgerecht vornehmlich als Eigenklosterwesen auftritt, wobei sich der germanische Genossenschafts- und Gefolgschaftsgedanke in eigentümlicher Weise der Klosteridee bemächtigt), fordert der Umstand zugleich unsere volle Aufmerksamkeit, daß es gerade die in die Germanenkirche aufgenommenen keltischen Elemente waren, die jene veranlaßten,

den Prozeß der Germanenmission weiterzutragen, und die zugleich ihre Methode bestimmten.

Lit. s. bei Augustin, dazu etwa E. Winkelmann Gesch. d. Angels. 1883. W. Hunt The Engl. church from its foundation etc. 1901. G. F. Browne Conversion of the Heptarchy2 1906. Ders. Theodor and Wilfrith 1897.

3. Die angelsächsische Mission auf dem Festland (§ 25) ist also gewissermaßen die Fortsetzung der keltischen an den Angelsachsen. In diesem Sinne und jetzt erst, nachdem es sich mit dem angelsächsisch-römischen verschmolzen hatte und dadurch erst recht wirkungskräftig geworden war, ist das irische Christentum von größter Bedeutung für die Bekehrung Deutschlands geworden, namentlich Mittel- (u.

Süd)deutschlands.

§ 26. Eine gesonderte Stellung nimmt Alemannien in Deutschlands Südwestecke ein. Das unter Herzog Lantfrid (730) aufgezeichnete Volksrecht zeigt ein wesentlich christianisiertes Land. Wieviel zu diesem Erfolg der Stifter des Klosters Reichenau am Bodensee (724), Pirmin, der vom Elsaß aus seine klostergründende Tätigkeit auch im Schwarzwald und der Pfalz fortsetzte, und in dem wir einen Angelsachsen (MG. poet. lat. II 224) zu erkennen haben, läßt sich ebensowenig bestimmen wie der Gang seiner Mission m einzelnen. Doch haben wir in den Dicta Pirminii (Caspari, Kirchenhist. Anecd. II 157 ff.) ein wertvolles Dokument seiner Predigtweise, seines eigenen geistigen Niveaus wie desjenigen seiner halbbekehrten Zuhörer.

§ 27. Die eigentliche große angelsächsische Mission setzte im stammverwandten Friesland im Rheindelta ein, dessen Nachbarschaft, den Franken längst unbequem, damals auch die erhöhte Aufmerksamkeit der aufstrebenden, an Maas und Mosel begüterten Karolinger geweckt hatte. Hier hatte schon der vertriebene Wilfried v. York 678/79 auf einer Reise nach Rom längere Zeit unter momentan günstigen politischen Umständen ungehindert gepredigt; hierhin wandte sich nun der Blick des Abtbischofs Egbert, der, obwohl gebürtiger Northumbrier, sich

vollkommen den irischen,,Heiligen" angeschlossen und unter ihnen lebend sich ganz mit dem Doppelideal der Askese und der Mission erfüllt hatte. Nachdem sein Sendling Witbert in zweijähriger Arbeit unter den Friesen nur einen Mißerfolg zu verzeichnen hatte, zog 690 Egberts Schüler und Landsmann Willi. brord (s. d.) den gleichen Weg, nach Jesu Vorbild und Irenart an der Spitze einer Gesellschaft von 12 Mönchen; angelsächsische Weise aber war es, daß er sofort den Segen und die Instruktion Roms suchte, und auch das entsprach heimischer Auffassung, daß er zugleich sich an den weltlichen Herrscher, Pippin, anlehnte. Daß dies der einzig

fruchtbare Weg war, bewies das Schicksal Suidberts, der, während Willibrords Reise nach Rom von den Missionaren zum Bischof gewählt und in England ordiniert, unter den Brukterern sich sowenig halten konnte wie die beiden Ewalde, der ,,weiße“ und der ,,schwarze", die als Freimissionare unter den Sachsen zu wirken versuchten. Während die letzteren das Martyrium erlitten, ist der erstere unter Pippins Schutz als Stifter des Klosters Kaiserswerth auf der Rheininsel Wörth gestorben. Im Gegenteil dazu wird Willibrord sofort zum Träger der organisatorischen und kirchenpolitischen Pläne Pippins und des Papstes: 695 zum ersten Bischof von Utrecht ernannt, erhält er 696 die Würde des Erzbischofs mit der Aufgabe, das ganze Friesenland, soweit es unter dem Schutze der vorrückenden fränkisch-christlichen Macht möglich, in Pflege zu nehmen. Indem es ihm in langer Arbeit († 739) gelang, sie wenigstens in bezug auf das weite Gebiet der Rheinmündung zu lösen, teilte seine Stiftung freilich alle politischen und kriegerischen Wechselfälle, die,, König“ Radbod, der Tod feind der Franken und Christen, herbeiführte.

§ 28. Während einer dieser Wechselfälle (716), der einer Katastrophe nahekam, trat derjenige angelsächsische Missionar in die Arbeit ein, der sie weit über das Gebiet Willibrords hinausführen sollte, zunächst aber (-722) noch ganz als Gehilfe in den Bahnen des Friesenapostels anzusehen ist, Wynfrith (s. d.) oder Bonifatius.

Reicht er mit dieser Linie in den Kreis Egberts, so ist zum Verständnis seiner Auffassung und seiner Missionsweise wichtig, daß er aus Wessex stammt, seine Jugend in der Nachbarschaft der Britten von Cornwall, in Exeter, zugebracht hatte und von Haus aus das Kloster als Grundlage und Mittelpunkt des kirchlichen, religiösen, sittlichen und wissenschaftlichen Lebens kannte; dazu hatte er in seiner Heimat und aus nächster Nähe beobachtet, wie Kirche und Staat in engem Verein aus halbfertigem Zustand zu festerer Gestaltung gelangten und über allem der durch den Primat von Canterbury vermittelte Geist Roms schwebte. Die seelische Disposition des Mannes erkennend und ihn bereits 719 bei seinem ersten Besuche formell in Pflicht nehmend, hat Rom durch seine großen Päpste Gregor II. u. III. seine weiten, schon in Baiern bemerkbaren (s. ob.) Organisationspläne in dem halbbekehrten Teile Deutschlands mit ihm durchführen und den Missionar zum Hierarchen, der sich auch vom Staate grundsätzlich frei weiß, umbilden wollen, um ein reines Resultat erzielen zu können. Wynfrith läßt sich 719 auf die erste Reise quer durch Deutschland schicken, aber, sobald er in Friesland den Weg frei weiß, eilt er zu Willibrord und steht ihm 3 Jahre zur Seite. Erst dann nimmt er die Mission in Mitteldeutschland, Hessen und Thüringen, auf und vollendet das für die Christianisierung ganz Deutschlands entscheidende Werk in zehn Jahren rastloser Arbeit, indem er dort Amönaburg, hier Ohrdruf zu den ersten klösterlichen Mittelpunkten macht. Obgleich schon 723 (30. Nov.) bei einem zweiten Besuche zum Bischof in Rom geweiht und durch Eid eng an Rom gefesselt, fährt er fort in der alten heimischen persönlichen Weise durch Predigt, Seelsorge und Anlage einfacher Kultstätten von unten nach oben zu bauen; obgleich 732 zum Erzbischof ernannt mit der Anweisung, weitere Bischöfe zu ordinieren, gründet er nur weitere Klöster, wie Fritzlar und Tauberbischofsheim (Lioba), zieht ununterbrochen neue persönliche Hilfskräfte aus den asketischen Kreisen der Heimat heran, auch Nonnen, und schafft Stätten des Gottesdienstes.

Erst nachdem er bei einem dritten langen | land, das Willibrord schon einmal zu geAufenthalte in Rom 738 sich hatte belehren lassen und zum päpstlichen Vikar für ganz Deutschland, also auch Baiern und Süddeutschland, ernannt war, wird auch hier die Periode der Mission durch die der bischöflichen Organisation abgeschlossen: Baiern wird unter tunlichster Ordnung der verwilderten Verhältnisse, wie längst beabsichtigt, in die Sprengel von Passau, Regensburg, Freising und Salzburg geteilt, Hessen erhält Büraburg, Thüringen Erfurt und Würzburg zu Bischofssitzen.

§ 29. Die angelsächsische Mission endet in dem Gebiet Deutschlands, wo sie begonnen, in Friesland. Nachdem Bonifaz aus dem Organisator der deutschen Kirche der Reorganisator der fränkischen geworden war, in vertrauensvollem Anschluß an die weltlichen Herrscher, die die Leitung der Kirche wieder zu deren Bestem gebrauchten, und nachdem er von Mainz aus, dessen künftige Stellung er damit begründete, seine mitteldeutsche Schöpfung gesichert hatte, vor allem auch durch die Stiftung von Kloster Fulda, für das ihm außer Monte Cassino sicher auch die großen englischen Bildungssitze als Muster dienten, schenkte er seine letzte Kraft wieder der Friesenmission. Sein Märtyrertod bei Dockum brachte kaum einen Stillstand, verpflichtete vielmehr zur Fortsetzung, die sein intimer Schüler Gregor von Utrecht, trotz seiner fränkischen Abkunft, ganz nach angelsächsischer Weise und mit angelsächsischen Kräften in die Hand nimmt: das Bistum Utrecht verschwindet hinter dem Missionskloster, der Bischof hinter dem Abt und Missionslehrer, seine Schüler sendet er nach York, aus England kamen Liafwin, der an der Yssel bei Deventer das Evangelium verkündete, und vor allem Willehad, wieder ein Northumbrier, der zuerst über die Lauwers in das freie und ganz heidnische Friesland drang. Dazu trat dann Liudger, Gregors Schüler und Biograph, selbst ein Friese, aber in York bei Alkuin gebildet. Er rückte in Willehads Arbeitsgebiet, als dieser durch Karl den Großen an die Wesermündung versetzt war, und hat von hier auch die nordfriesischen Inseln dem Christentum zugeführt, auch Fosetisland oder Helgo

winnen versucht hatte. Obgleich die beiden Zuletztgenannten bereits von Karl in Dienst genommen wurden und die Geschichte der Friesenmission schließlich aufgeht in der so anders gearteten der Sachsenbekehrung, so zeigen doch die zuverlässigen Lebensbeschreibungen von Altfrid und einem Unbekannten (nicht Anskar), die wir von ihnen haben, daß auch über ihrer Arbeit bis zuletzt noch der Geist des angelsächsischen Mönchtums schwebte: ihre innerliche und persönliche Art erscheint um so wohltuender, als sie uns auf dem Hintergrund der Aktion entgegentritt, die das letzte Wort in Deutschland sprach, aber mit Blut und Eisen die Sache der Religion entschied.

Literatur s. bei Willibrord u. Wynfrith. Hauck I u. II. Sauer Die Anfänge des Christ. u. d. Kirche in Baden (Neujahrsbl. d. Bad. Hist. Komm. NF. 14) 1911. Lau Die angelsächs. Missionsweise im Zeitalter d. Bonifas 1909. v. Schubert KG. II (im Druck).

4. Die Zwangsbekehrung Norddeutschlands durch Karl den Großen (§30) nimmt in der ganzen hier betrachteten Bekehrungsgeschichte eine isolierte Stellung ein. Es war das mit Zähigkeit festgehaltene Ziel des Bonifaz gewesen, die Altsachsen in der bekannten Weise friedlich zu gewinnen; falls eine späte Notiz (Ann. Mett.) richtig sein sollte, hätte auch der siegreiche Sachsenzug Pippins 753 zu dem Versprechen geführt, die christliche Predigt zu dulden. In Wirklichkeit waren alle Versuche, die von einzelnen gemacht wurden, das Evangelium über die Grenze zu tragen, fehlgeschlagen. Und je weiter man kam, desto fester saß in dem großen, ungebrochenen, von der,,Völkerwanderung" allein kaum berührten Stamme das Heidentum, engverwachsen mit Sitte und Recht, ein Teil und eine Bürgschaft seiner Freiheit. Schien hier die Geschichte Jahrhunderte stillgestanden zu haben, so daß Rudolf v. Fulda dies sächsische Heidentum noch immer mit den Worten der Taciteischen Germania beschreiben konnte (Transl. Alex. 2 f.), konzentrierte sich also hier die Kraft einer vergangenen Periode, so stand demgegenüber nun die

fortgeschrittenste Macht, in der sich die neue Zeit zusammenfaßte, erfüllt von dem Gedanken eines christlichen Universalismus und auf dem Wege, ihm eine neue, für Jahrhunderte geltende Gestalt zu geben. Auf keiner Seite war es möglich, Politik und Religion zu trennen, und ein fortwährender Grenzkrieg hatte eine Form der Feindschaft hervorgebracht, bei der die Treulosigkeit wie eine germanische Tugend und der Blutbefehl wie eine christliche Notwendigkeit erschien.

§ 31. Es ist darum nicht notwendig anzunehmen, daß dieser 30 jährige Krieg (772-804) wie jener spätere von Anfang an bewußt als Vernichtungskrieg gegen die heidnische Religion gedacht war, aber die Sache selbst führte schon bei den ersten Heereszügen dazu: die fränkischen Christen zerstörten die Irminsul (s. diese), und die heidnischen Sachsen rächten sich, indem sie die jungen christlichen Stiftungen in Thüringen zu zerstören suchten. Es war ein ganz richtiger Ausdruck des Verhältnisses, daß sich zuerst nach dem ersten großen Erfolg 776 die Sachsen an der Lippe, dann 777 in Paderborn, dann 779/80 an Weser und Ocker in Scharen zur Taufe meldeten, um ihre Unterwerfung dadurch zu dokumentieren, zuletzt 785 auch Widukind, und es entsprach dem auf der andern Seite, daß, als nach den vernichtenden Schlägen von 784 die Unterwerfung endlich bis zur Elbe gelungen schien, schon die Taufunterlassung als ein Zeichen des Heidentums und der Unbotmäßigkeit bei Todesstrafe verboten, die gesamte christliche Lebensordnung aber strengstens anbefohlen wurde, einschließlich des Zehnten. Das letzte gewaltige Aufflammen des Aufstandes, der jetzt einen neuen Herd jenseits der Elbe fand und mit der Deportation von Tausenden aus diesem nördlichsten Teile schloß, war schon eine Reaktion gegen diese verhaßte Ordnung.

§ 32. Bei dieser Zwangsbekehrung oder Staatsmission veränderte sich die Stellung der Missionare; auch ein Liudger und Willehad wurden zu Sendlingen des Königs, Mönchtum und Militär rückten zusammen. Karl ist selbst der praedicator gentium, aber sowenig wie von Freimission, ist

von einer Bestallung durch den Papst die Rede, er wird von Karl überhaupt erst, als die Hauptsache bereits vorüber war, 785 zum erstenmal befragt (cod. Car. 77). Damit hängt zusammen, daß, wenn auch eifrig Predigtstätten erbaut wurden, mit der hierarchischen Organisation doch weit langsamer und vorsichtiger vorgegangen wird, als das Roms Gewohnheit war, und auch jetzt noch das Mönchtum einen hervorragenden Anteil behält. Nach der ersten großen Unterwerfung wird 777 das Land in Missionssprengel geteilt, deren Pflege neben den benachbarten Bistümern Würzburg, Mainz, Köln, Utrecht und Lüttich die Klöster Fulda und Amorbach i. Odenwald, wohl auch Hersfeld und Corbie anvertraut wurde, und Sturm v. Fulda, aus Bonifaz' Schule, hatte vielleicht den Hauptanteil, daneben der Angelsachse Willehad auf seinem Außenposten zwischen Weser und Elbe. Aber erst 787 wurde der letztere und zwar als erster zum sächsischen Missionsbischof mit dem Sitz in Bremen geweiht, es folgten geweiht, es folgten vielleicht im selben Jahr oder bald darauf · Minden und Verden, Paderborn (799) und Münster (804). Der Osten und Nordosten blieben unter Karl noch ohne bischöfliche Sitze: während Dithmarschen von Bremen aus missioniert wurde (Kirche zu Milindorp, Meldorf), war Holstein Amalar v. Trier überwiesen, der hier die erste ecclesia primitiva zu Hammaburg einweihte, die Gegend zwischen Harz und Elbe Liudgers Bruder Hildigrim v. Chalons. Erst Ludwig der Fromme hat mit der Schaffung der Bistümer Osnabrück, Hildesheim, Halber

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und Hamburg die Organisation Sachsens bis zur dänischen und wendischen Grenze vollendet. Lange noch unterstützte man diese äußersten Organisationspunkte durch Verbindung mit innerfränkischen Klöstern (Willehad z. B. durch Justines); aus den Missionaren (Patto v. Amorbach-Verden, Liudger-Münster u. a.) wurden die ersten Bischöfe; aus Missionszentren wie dem Stift Seligenstadt erwuchsen Bistümer, und ganz spät erst, im 11. Jh., entwickelten sich z. B. in Bremen und Hamburg aus der klösterlichen Urform die Domstifter und vollendete sich

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